Katrin Euller

Leftovers

Mehrdeutige Kreaturen

Überlegungen zu Katrin Eullers Film „Leftovers”

 

(Aus dem Englischen übersetzt)

 

“Monsters have a double meaning: on one hand, they help us pay attention to ancient chimeric entanglements; on the other, they point us toward the monstrosities of modern Man. Monsters ask to consider the wonders and terrors of symbiotic entanglement in the Anthropocene.” 

– Tsing, Swanson, Gan, Bubandt

 

Durch den Unterbau….

Ein düsteres Industriesetting: Ein dunkler unterirdischer Korridor mit großen Rohren. Wir folgen einer Gruppe junger Leute durch ein verlassenes Atomkraftwerk. Ihre Kleidung ist rostig. Sie wirken gelangweilt, vielleicht warten sie aber auch nur auf etwas. Sie rauchen und trinken aus Plastikflaschen. Wir hören sie nie sprechen, aber ihre Geräusche, ein Klopfen mit einer Flasche oder das Schlagen einer Tür, tauchen im Laufe des Films immer wieder auf, eine Art verzerrtes Echo das seinen diegetischen Ursprung längst überwunden hat. Ihre Geräusche vermischen sich mit denen der Maschinen, werden mehr und mehr Teil davon und spiegeln den eigenen verwobenen Zustand der Gruppe wider. So wie die schweren Maschinen und Schaltpulte, wirken auch sie längst wie Teile des Interieurs. Ihrem Zweck entfremdet, bleibt etwas Unbehagliches, Gespenstisches.

In einer Szene scheint die Gruppe eine Art Spiel zu spielen: Plastikflaschen und Blechdosen werden mit großer Geschwindigkeit gefaltet. Die Regeln bleiben unklar aber die Ausführung erinnert in ihrer Sorgfalt und Intensität an vertraute Kinderspiele. Die Gruppe streift weiter durch den Industriekomplex, findet letztlich Trost auf der Sonnenterrasse.

 

Die immer wiederkehrende Verwendung des Split-Screens spielt geschickt mit unserer Wahrnehmung und lässt ein subtiles Gefühl des Entrücktseins aufkommen. Einige Szenen wiederholen sich mit kleinen Änderungen, andere sind identisch jedoch mit unterschiedlichen Bildausschnitten, dabei wird eine Spannung erzeugt, die uns nicht nur das Zeitgefühl verlieren lässt, sondern auch die Frage aufwirft, was jenseits des Sichtbaren geschieht.

Katrin Eullers „Leftovers“ ist ein herausfordernder Film, da er auf den ersten Blick wenig Narrativ bietet, und es ist ein faszinierender Film, da er genau diese fragmentierte, atmosphärische Darstellung der Interaktion dieser Gruppe mit ihrer Umwelt als eine zeitgemäße Meditation über Handlungsfähigkeit in einer verwobenen Welt nutzt. Dinge werden begonnen, verharren aber in einem Zustand der Verstrickung –

mit der Frage verbleibend – welche menschlichen Eingriffen kann das Leben auf der Erde ertragen?

 

… mittendrin

 

Besonders deutlich wird dies im letzten Akt des Films.

Wir folgen der Gruppe nach Draußen. Eullers Inszenierung dieser Landschaft ist verstörend. Hier hausen Fake-Vögel, synchronisierte Fische und fliegende Drohnen. Eine natürliche Welt, die so gestört ist, dass sie sich wieder fremd anfühlt. Vor allem aber ist die Gruppe nun maskiert. Masken finden ursprünglich Verwendung in rituellen Praktiken, um unerwünschte Geister zu vertreiben oder den Toten zu gedenken. So scheint es in diesem Fall unglaublich pointiert, dass die Materialität dieser Masken die Oberflächen der Steine und dem Wald um sie herum referenziert. Die Maske macht sie zu mehr als nur einem Menschen, zu einer hybriden Kreatur, permanent in einem Dazwischen. Die Münder der Masken sind offen, bleiben aber stumm.

Das letzte Bild des Films zeigt eine Person aus der Gruppe, die schweigend einen Stein hält, die leeren Augen der Maske starren in die Kamera. Während wir noch spekulieren, ob wir nun Zeug*innen eines Angriffs oder eines Aufstands sind, werden wir zurück zum Anfang geloopt, zurück in den Untergrund und zurück zu minutiösen Spielen, verdammt sich zu wiederholen.

Text von Kelly Ann Gardener

 

 

Ambiguous creatures. 

Notes on Katrin Euller’s film “Leftovers”

 

“Monsters have a double meaning: on one hand, they help us pay attention to ancient chimeric entanglements; on the other, they point us toward the monstrosities of modern Man. Monsters ask to consider the wonders and terrors of symbiotic entanglement in the Anthropocene.” 

– Tsing, Swanson, Gan, Bubandt

 

Through the underbelly….

 

A dark underground corridor with pipes in an industrial setting.

We follow them through an abandoned nuclear power plant. They are a group of young people, similarly dressed in rust-stained clothing. They seem slightly bored or maybe waiting.

They smoke and drink from plastic bottles.

We never hear them speak, however the sounds they produce reappear throughout the film transcending their diegetic origins. They are morphed with sounds from machinery, industrial, more and more becoming part of it, somewhat mirroring the group’s own entangled state. They seem as much part of the building’s interior as the heavy machinery and control pads. Robbed of purpose, they give this space an uneasy, haunted quality.

In one scene the group seems to be playing some sort of game by folding plastic bottles and tin cans with great speed. It isn’t clear what the rules are but it is done with so much intent, filled with a make-believe that recalls the image of children playing. The group continues through the industrial complex. They find solace on the sun-lit terrace.

The use of the split-screen throughout the film plays a clever trick on our perception, creating a feeling of being slightly removed. Some scenes are repeated with small alterations, others are identical with different framings, creating a tension that not only makes us lose a sense of time but also question what happens beyond the visible.

Katrin Euller’s “leftovers” is a challenging film as at first glance it provides little narrative and it is a fascinating one as it uses precisely this fragmented, atmospheric portrayal of this groups interaction with the environment as a timely meditation on agency in an interconnected world. It sets up but remains in a state of entanglement –

Asking what kinds of human disturbances can life on earth bear?

 

…. In the midst of it

 

This becomes especially clear in the film’s last act.

We follow the group into the outdoors. Euller’s portrayal of this landscape is unsettling. Fake birds, synchronized fish and flying drones inhabit this place. A natural world so disturbed it feels unfamiliar again. Most importantly the group is now masked. Masks are embedded ritualistic practices to fend off unwanted spirits or to commemorate the dead. In this case, it seems incredibly poignant that their masks‘ materiality has a clear connection to the surface of the stones and the forest around them. The mask makes them more than human, a hybrid creature that is perpetually stuck in-between. The masks` mouths are open but remain quiet.

The last frame of the film shows one of the group silently holding a stone, the mask’s empty eyes staring into the camera. Just as we reflect on what it might mean, whether we are witnessing an attack or an uprising, we are looped back to the beginning, back to the underground, and back to meticulous games, doomed to be repeated.

Text by Kelly Ann Gardener

Abb. / Ill.: © Katrin Euller

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